HobbyArt Feb. 2000

Aus der HobbyArt Februar 2000:

Ari Brachter Software Von der Nähmaschine zur Software-Schiene

Die Anpassung an wirtschaftliche Veränderungen in Industrie und Handel prägen die Geschichte der Firma Brachter in Viersen. Aus dem Sortiment des 1864 gegründeten Fachgeschäftes haben sich die Nähmaschinen gehalten. Seit 1976 entwickelte sich die Erstellung von Software-Programmen für den Einzelhandel zum florierenden Zweig des Familienunternehmens. Heute kommt das System immer stärker im gesamten Hobby- und Bastelhandel zum Einsatz (und heute, also 2002, auch noch in vielen weiteren Branchen Anm. d. R.).

Nähmaschinen und Fahrräder standen lange Zeit nebeneinander im Schaufenster des Viersener Ladens. Uhrmachermeister Peter-Heinrich Brachter, der Urgroßvater des heutigen Firmeninhabers Ari Brachter, hatte sich direkt nach deren Entwicklung auf den Handel mit Nähmaschinen spezialisiert. Wenig später kamen die ersten Fahrräder auf den Markt. Ebenso wie die Brachters nahmen die meisten Nähmaschinen-Geschäfte damals auch Zweiräder ins Programm. Das Fachgeschäft blieb in Familienbesitz, hatte sich dann aber bis vor 25 Jahren zum reinen Nähmaschinengeschäft entwickelt. Neben dem Geräteverkauf bedeuteten Reparaturen und der Verkauf von Zubehörteilen die größten Einnahmequellen. Für die Textilherstellung wurden Industrienähmaschinen und -anlagen vertrieben und gewartet. All diese Bereiche waren auch gleichbedeutend mit großem Verwaltungsaufwand in der Büroarbeit. Als Ari Brachter seine Ausbildung zum Industriemechaniker und später die Meisterprüfung absolviert hatte, wurde die Textilindustrie 1973 von der schweren Krise heimgesucht. Sein Vater hatte den Laden inzwischen aufgegeben – abgesehen von einer kleinen Ecke als Verkaufsraum und Werkstatt. Sohn Ari nutzte die Gunst der Stunde, kaufte günstig Industrienähmaschinen von maroden Betrieben auf und machte sich mit dem Verkauf selbstständig. Bald kamen Vertretungen von namhaften Herstellern hinzu.

Die ersten PC-Schritte

Mitte der 70er Jahre entdeckte der Unternehmer bei einem seiner Kundenbesuche in Köln eine ausgemusterte Olivetti-Buchungsmaschine – der Beginn seiner heutigen Software-Schiene. Interessiert an technischen Errungenschaften, die das Berufsleben vereinfachen, gab sich Ari Brachter nicht mit den Fähigkeiten des Computer-Vorläufers zufrieden. Durch Experimentieren erweiterte er die Möglichkeiten, effizient zu arbeiten, immer bezogen auf die Anforderungen in der eigenen Firma. Im Oktober 1976 besuchte er die erste "Orgatechnik" (heute Orgatec) in Köln. Sein Weg war nun endgültig vorgezeichnet: Der Jungunternehmer verfolgte das Ziel, möglichst viele Arbeitsschritte hinter den Kulissen eines Ladengeschäftes per Computer zu vereinfachen. Die Teilnahme an Schulungen ging einher mit der eigenen PC-"Forschungsarbeit", so dass Ari Brachter Anfang der 80er Jahre ein für seinen Handwerksbetrieb zurechtmodelliertes Programm erarbeitet hatte. Über seine Kontakte zur Textilbranche drang diese Information im Jahr 1984 zu einem Händler durch. "Der Kollege rief mich an", berichtet der "Tüftler" aus Viersen, "und erzählte, er wolle in seinem Betrieb ebenfalls Computer einsetzen. Er hatte sich bereits drei Systeme zeigen lassen, die ihm aber alle nicht eindeutig zusagten." Man wurde sich schnell handelseinig: Ari Brachter sollte den Branchenkollegen komplett mit Hard- und Software ausstatten. Natürlich schneiderte er das Programm für seinen ersten "Software-Kunden" auf dessen Betriebs-Charakter zurecht. Als sich die Nachfrage verstärkte, stand für Ari Brachter die Entscheidung fest, sich besonders der neugewonnenen Sparte zu widmen.

Von Apotheke bis Zoohandlung

Seine Verbindungen zu den Herstellern und Lieferanten in der Nähmaschinen- sowie der Textil- und Handarbeitsbranche nutzte Ari Brachter zur Ausarbeitung seiner Software, die im Prinzip in jedem Einzelhandelsbereich – von Apotheke bis Zoohandlung – einsetzbar ist. Erstmals vorgestellt wurde das Programm auf dem Südpazifischen Nähmaschinenkongress im April 1993 in Sydney/Australien. Im Zuge der wachsenden Annäherung von Handarbeiten und Hobby/Basteln/Künstlerbedarf konnte der Computer-Spezialist bereits viele Aspekte aus der Hobbybranche in seine Software integrieren. So sind die Bereitstellung der Artikelstammdaten zahlreicher Lieferanten aus dem Kreativbereich bereits Gang und Gebe. Ihre Kontakte zu Handel und Herstellern der Hobbybranche baut die Viersener Firma u.a. als Aussteller auf der "Handarbeiten und Hobby" in Düsseldorf aus. Gerade in Handels-Strukturen, in denen der Umgang mit Soft- und Hardware noch nicht selbstverständlich ist, besteht ein Bedarf an leicht erlern- und bedienbaren Programmen. Ari Brachter ist ein Verfechter der einfachen Schritte: "Ich möchte nicht erst stundenlang eine Betriebsanleitung studieren müssen, um mit der Arbeit am Computer beginnen zu können. Darauf habe ich bei der Entwicklung unserer Software geachtet. Ein Programm muss logisch aufgebaut sein, so dass man mit wenigen Tastendrucken bei der gewünschten Information landet." Im Datensystem auf Windows-Basis sind bereits 60 Firmen mit ihren Artikelstammlisten vertreten. Weitere Firmen werden kostenlos individuell eingebunden. Mit den aufbereiteten Daten kann an allen Kassenplätzen gearbeitet werden. Vom Artikelstamm aus lassen sich u.a. Bestandszahlen und Bestellvorschläge abrufen. Die Initialen eines Vorgangs oder eine der oberen "F-Tasten" reichen aus, um von einer Funktion zur anderen zu wandern. Ebenso einfach lassen sich Vermerke über erledigte oder ausstehende Arbeiten eintragen. Konkrete Auskünfte zu einem Artikel können zusätzlich über die Barcode-Eingabe abgefragt werden.

Ganz nach Bedarf

Das Warenwirtschaftssystem, das alle im Laden angebotenen Artikel enthält, unterbreitet auf Basis des Einkaufspreises Vorschläge zur Festlegung des Verkaufspreises. Ändern sich die Katalogpreise des Herstellers, wird die bestehende Artikelliste lediglich aktualisiert – bestehende Nummern bleiben erhalten, die neuen Informationen werden überschrieben und die Preise automatisch angepasst. "Alles lässt sich individuell auf den Händler zuschneiden. Er hat jederzeit und bei praktisch jeder Funktion die Möglichkeit, nicht den Vorschlägen des Programms zu folgen, sondern seine eigenen Daten einzugeben. Das muss gerade in einer Branche möglich sein, die auch mit diversen Saisonartikeln und sehr vielen Kleinteilen zu tun hat", erläutert Ari Brachter. Einfache Handhabung und Individualität zählen auch bei der Rechnungsstellung und der Lieferschein-Bearbeitung. Anmerkungen, Sondertarife, Rabatte, Fristen – jede Art von Zusatzinformation lässt sich integrieren.

Wissen ist Kundenpflege

Ganz besonders liegt Ari Brachter der persönliche Umgang mit dem Kunden im Einzelhandel am Herzen. Allerdings könne man weder vom Händler selbst noch von dessen Mitarbeitern verlangen, sich alles zu jedem Kunden merken zu können. "Dafür gibt es dann die Software. In der Kundenkartei finden sich Abruflisten zum vorigen Besuch mit Datum und gekaufter Ware sowie zum Umsatz durch den Kunden. Besonders wichtig sind aber die persönlichen, privaten Daten: Man sollte mit Hilfe durch den Computer darüber informiert sein, was der Kunde bevorzugt, welche Hobbytechniken er pflegt, um ihm auch einmal ein besonderes Angebot unterbreiten zu können. Anhand des letzten Einkaufsdatums weiß der Händler, dass dem Kunden also die neuesten Stickpackungen, Buchneuerscheinungen oder frischgedruckte Broschüren etc. noch nicht gezeigt wurden." So werde die Software als Grundlage für individuelle Verkaufsgespräche optimal genutzt. Mit Hilfe der spezifischen Kundenkartei solle nicht der "gläserne Verbraucher" geschaffen, sondern vielmehr die persönliche Betreuung der Stammkunden gewährleistet - und erleichtert - werden. Die Kundenkartei dient auch zur Filterung bei Werbebrief-Aktionen, die ebenfalls sehr individuell gehalten werden sollten, so Ari Brachter. "Wenn ich als Händler eine Angebots-Woche zum Patchen und Quilten veranstalte, möchte ich genau die Kunden mit meinem Brief erreichen, die diese Hobbys ausüben. Über die Stichworte in der Kartei kann ich die Namen listen und automatisch anschreiben lassen, die in diese Kategorie fallen." Die Eingabekriterien lassen sich noch vielfältig ergänzen, so dass auch ganz spezifische Kundenkreise aus der Datenbank als Briefempfänger ausgewählt werden können.

Internet und Angelkurs

Obwohl mit Hilfe der Software alle Arbeitsprozesse und Service-Aspekte eines Fachgeschäfts abgewickelt werden können, steht für Ari Brachter der einfache Umgang mit dem Programm im Vordergrund. Damit will er auch die Scheu vor dem Computer ad absurdum führen. "Optimale Kundenpflege muss und darf keine hochkomplizierte Aufgabe für das Team im Fachgeschäft sein. Stattdessen soll der leicht bedienbare Computer als auskunftsfreudiger und umfassend informierter ,elektronischer Mitarbeiter' angesehen werden." Ehefrau Monika Brachter führt heute das Nähmaschinengeschäft, das mittlerweile mehr als "Showroom" dient. Die Software "aus der Praxis für die Praxis" ist für Ari Brachter und sein Team, zu dem auch Sohn Björn – von Beruf Informatiker – sowie fünf weitere Angestellte gehören, inzwischen zum Erfolgsprodukt geworden, das nun auch in der Fahrrad-Branche und im Bereich Stoffe/Meterwaren eingesetzt wird. Derzeit geht die Entwicklung aber schon wieder einen Schritt weiter: Die kleine Traditionsfirma erstellt professionelle Internet-Auftritte für ihre Partnerfirmen. Das Credo der bestmöglichen Kundenpflege lässt Ari Brachter dennoch nicht außer Acht. Inzwischen gibt der rührige Unternehmer Verkaufsseminare: "Verkaufen ist wie Angeln. Vor uns schwimmen die Fische, wir brauchen einen Köder, damit sie anbeißen. Wenn man den Fang ans Ufer gerettet hat, sollte man sehen, dass er nicht wieder ins Wasser gleitet." Handlungsbedarf sieht der Rheinländer bei der Thematik der Werbebrief-Aktionen. "Direct Mailings werden für den Einzelhandel immer wichtiger. Dieses Instrument der Kundenpflege muss individuell und werbewirksam gestaltet werden." Sein Wissen darüber will er seinen Händlerkollegen künftig ebenfalls verstärkt in Seminaren weitervermitteln. cb